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Mannheimer Morgen, 11. November 2004
Permanent tun wir Dinge, die wir eigentlich gar nicht wollen – ein Dilemma, aus dem es Auswege gibt Von unserem Redaktionsmitglied Ursula Barth Ein paar Stunden nur, nichts Großes“: Ein Freund sitzt auf gepackten Kisten und sucht dringend fleißige Umzugshelfer. Blitzschnell läuft ein Film vor unserem inneren Auge ab, in dem die Vision eines freien Wochenendes wie eine Seifenblase zerplatzt. Ausschlafen, Stadtbummel, Kneipentour? Lange geplant, jetzt schnell gestorben: Wir meinen „nein“ – und hören uns zerknirscht „ja“ sagen. Dann heißt es Möbel rücken statt relaxen, anstrengen statt ausspannen. Nein. Ein kurzes Wort nur, vier Buchstaben. N - e - i - n. Eigentlich ganz einfach. Und dennoch fällt es uns oft unendlich schwer, diese Silbe auszusprechen. Ein Dilemma, das niemandem fremd ist – und aus dem es Auswege gibt. „Ein ,Ja’ ist zunächst oft der einfachere Weg“, beschreibt Tanja Baum, Unternehmensberaterin, Buchautorin und Leiterin der Kölner „Agentur für Freundlichkeit“, warum uns eine Zusage oft leichter über die Lippen geht als eine Abfuhr. „Wer nein sagt, bekommt in dem Moment eben nicht das Lächeln ab“, sagt Baum. Und das hindert viele Menschen daran, auch mal Absagen zu erteilen. Dafür ist der Ärger über die eigene Schwäche hinterher meistens umso größer. Ständige Chauffeurdienste für den Freund? „Kein Problem“. Geld verleihen? „Weil Du es bist.“ Das spottbillige Produkt testen? „Ach, der Verkäufer war so nett . . .“: Gründe zum Jasagen gibt es immer. „Wir richten unser Verhalten an den Konsequenzen aus, die wir erwarten“, sagt Dr. Josef Bailer, Leiter der Abteilung Klinische Psychologie am Zentralinstitut für Seelische Gesundheit in Mannheim. „Dann springen wir über unseren Schatten, weil wir uns ein positives Ergebnis erhoffen.“ So ringen sich Mitarbeiter zur Übernahme einer Aufgabe durch, der sie gar nicht gewachsen sind – weil sie auf ihr berufliches Fortkommen spekulieren. Umgekehrt treibt auch die Angst viele Menschen zum Jasagen – Angst, als Egoist dazustehen, Angst vor Kritik und Verlassenwerden, vor dem Verlust von Beliebtheit oder Harmonie. „Mit einem ,Nein’ entsteht immer auch ein Konflikt“, sagt Baum. Dabei, sagt Bailer, treten die negativen Folgen eines „nein“, die wir uns ausmalen, in vielen Fällen gar nicht ein. So ist die unterbewusste Furcht, einen guten Freund zu verlieren, bloß weil man ihm eine Bitte ausschlägt, in der Regel unbegründet. Zwar mag es einzelne Menschen geben, die uns den Stempel „Egoist“ aufdrücken. Aber: „Müssen uns wirklich alle Menschen sympathisch und liebenswert finden?“, fragt der Psychologe. Und: „Wenn mir jemand wegen eines ausgeschlagenen Wunsches die Freundschaft kündigt, sollte ich mich fragen, ob ich wirklich daran interessiert bin, eine solche Beziehung aufrecht zu erhalten.“ Zuweilen bringt uns eine leichtfertig ausgesprochene Zusage sogar erheblich in die Bredouille. Denn: „Wer schnell ja sagt, hält das häufig auch nicht ein“, sagt Baum. Kurzfristige Absagen, beispielsweise drei Stunden vor Beginn eines liebevoll zubereiteten Abendessens, sorgen für größeren Ärger als ein rechtzeitiges „ich kann leider nicht“. Auch ein freundliches „Nein“ im Beruf ist Baum zufolge oft ratsamer als ein zähneknirschendes „okay, ich mach’s“, obwohl man bereits überfordert ist. Nun will sich nicht jeder Bittsteller mit einem einfachen „Nein“ zufrieden geben. Da wird überredet und um Mitleid gebuhlt, geschmeichelt, gedroht oder gar erpresst, um Freunde, Verwandte oder Kollegen „rumzukriegen“. Hier heißt es erstmal tief durchatmen. Denn: Jedes „Ja“ kostet seinen Preis – Kraft, Zeit, Geld, Geduld. Ist mir die Aufgabe zuwider? Was muss ich selbst hinten anstellen? Wer bittet mich, und wie oft habe ich schon etwas für ihn getan? Ein wenig Bedenkzeit sollte helfen, diese Fragen für sich zu klären. „Wenn mir beispielsweise am Telefon jemand etwas verkaufen will, habe ich das Recht, ohne Begründung nein zu sagen ich will das nicht und wiederhören“, sagt Bailer. In zwischenmenschlichen Beziehungen werde es da schon schwieriger. Wer es sich mit Freunden und Kollegen nicht auf Dauer verscherzen will, indem er den „Geist“ spielt, der wie Goethes Mephisto im „Faust“ „stets verneint“, sollte Baum zufolge eine Absage mit einer positiven Wendung beginnen. Eine kurze Entschuldigung oder ein Ausdruck des Bedauerns („Es tut mir leid . . .“ oder „Ich kann gut verstehen . . .“) wirke menschlich und besänftigend. An zweiter Stelle jedoch müsse ein klares „Nein“ folgen – im besten Fall mit einem „leider“ versehen. „Wenn ich möchte, dass der andere es versteht, sollte ich dann eine Begründung liefern“, sagt Baum. Kurz – sonst klinge sie wie eine Ausrede – und ehrlich sollte diese sein. „Ich bin müde“ oder „Wir möchten gerne mal für uns sein“ als Absage für eine Verabredung lässt Baum gelten – nicht aber „Ich habe keine Lust“. „Das ist beleidigend“, sagt sie. Gerade im Berufsleben sei es ratsam, zuletzt eine Alternative anzubieten: „Heute klappt es leider nicht mehr, aber wie wäre es morgen um drei?“ Selbst bei hartnäckigen Bittstellern sollte man sich Bailer zufolge nicht immer in neue Erklärungen und Entschuldigungen verstricken, sondern freundlich aber standfest beim „Nein“ bleiben. „Man muss lernen, Grenzen zu setzen und auch mal auf den eigenen Rechten und Bedürfnissen bestehen.“ Wer sich nicht in der Lage sieht, diese Tipps spontan in die Tat umzusetzen, legt sich am besten einen Plan zurecht und spielt mögliche Situationen mit einem ver- trauten Gesprächspartner durch. Mit ein wenig Übung kommt eine verbindlich formulierte Absage dann vielleicht sogar besser an als ein unwillig herausgepresstes „Ja“. Tanja Baum: „Die Kunst, freundlich nein zu sagen“, Verlag Überreuter Wirtschaft, 18,90 Euro, ISBN 3-706-408-05. |
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